Culture

Die Tänzerinnen, die sich mit Körper und Seele verbinden

Für diese WG-Mitbewohnerinnen aus London bedeutet Tanz Ausdruck. Jetzt, so sagen sie, verbinden sich Menschen auf der ganzen Welt über Bewegung.

Letzte Aktualisierung: April 2, 2021

Come Together: Auch auf Distanz bleiben wir miteinander verbunden. Wir haben mit dem Cast unseres Holiday 2020-Lookbooks darüber gesprochen, was Zusammengehörigkeit aktuell bedeutet.

Tanzen bringt Fatou, Mette und Elise im wahrsten Sinne des Wortes zusammen. Die gemeinsame Bewegung ist für sie nicht nur eine Möglichkeit, sich als Gruppe auszudrücken, sondern auch ihre Energien zu bündeln.

"Beim Tanzen drückst du aus, was du siehst", sagt Elise Pinel, 23. "Das passiert ganz ohne Worte. Du brauchst es nicht zu beschreiben. Ich glaube, das ist der Grund, warum Tanzen so viele Menschen verbindet. Es ist ein Gefühl, kein gesprochener Dialog."

Dieses Gefühl empfanden alle drei schon in jungen Jahren, als sie mit dem Tanzen begannen. Elise stammt aus Nordengland, Mette Linturi, 25, und Fatou Bah, 24, aus Finnland bzw. Schweden. Sie zogen vor einigen Jahren nach London, um das Tanzen zu ihrem Beruf zu machen. Seitdem haben sie mit bekannten Brands und Künstlern zusammengearbeitet und sind in Kampagnen, Musikvideos, bei Live-Auftritten und Konzerttourneen aufgetreten. Nachdem sie sich bei Castings und Auditions gesehen hatten, freundeten sich die jungen Frauen schnell an und leben mittlerweile zusammen in einer WG.

"Uns ist es untereinander wirklich wichtig, dass es den anderen gut geht. Das macht unsere Freundschaft aus", erzählt Elise. "Besonders während des Lockdowns wurde uns so richtig klar, dass wir als Menschen miteinander auskommen, nicht nur als Künstlerinnen."

Während des Lockdowns sind viele Studios und Proberäume geschlossen, aber die drei erzählen, dass sie kreative Möglichkeiten gefunden haben, mit unzähligen anderen Menschen – sowohl Profi- als auch Hobbytänzer – zusammenzukommen, die in den sozialen Medien Tanzroutinen austauschen und zusammenstellen.

Am wichtigsten ist vielleicht die Art und Weise, wie der Tanz ihre Beziehung zu ihrem eigenen Körper vertieft hat, besonders als Frauen. In diesem Gespräch erklären sie, was es mit Stärke und Selbstbestimmung durchs Tanzen auf sich hat und wie diese Gefühle noch stärker werden, wenn man sie als Teil einer Gruppe teilt.

"Tanzen heißt Gestalten. Du bist die leere Leinwand und erschaffst, was immer du willst. Das ist Selbstbestimmung pur."

Mette

Tanzen kann eine sehr kraftvolle und persönliche Art sein, sich auszudrücken. Was sind eure ersten Erinnerungen ans Tanzen? Welche Gefühle löste es bei euch aus? Und was hat euch dazu bewogen, Tanzen zum Beruf zu machen?

Fatou:
Ich habe mit dem Tanzen begonnen, weil es mir sehr schwer fiel, meine Gedanken oder das, was ich sagen wollte, tatsächlich auszusprechen. Für mich war es also immer einfacher, mich zu Musik auszudrücken, die mich ansprach.

Mette: Ich habe mich ausprobiert und wollte mein Ding finden. Etwas, das am besten zu mir passt. Ich hätte nie gedacht, dass es das wird, was es heute ist. Tanzen brachte mich ins Ausland, bot mir neue Perspektiven, half mir, meine Weiblichkeit zu verstehen, wer ich als Frau bin und wie ich leben will.

Elise: Meine Mutter erzählt immer, dass sie mich als Kind einfach mitten auf den Boden setzte, wenn sie mal eine kleine Auszeit von mir brauchte. Dort sollte ich sitzen bleiben und mir Musikvideos ansehen. Die habe ich dann nachgemacht. Fatou lächelt wissend – bei ihr war es nämlich genauso. Auch was die Kultur angeht. Meine Familie stammt aus der Karibik und liebt es, eine Platte aufzulegen und dazu zu tanzen. Tanzen ist fast so etwas wie eine Sprache der Liebe. Von daher ist wohl meine erste Erinnerung, dass ich einfach nur mit meiner Familie tanzte und weiter tanzte, bis sich abzeichnete, dass daraus eine Karriere werden könnte."

"Wir arbeiten zwar als Solokünstlerinnen, aber zu dritt entwickeln wir eine unglaubliche Kraft."

Mette

Wie ist das, als Einzelperson zu tanzen – im Vergleich zum Tanzen als Gruppe?
Mette:
Wir arbeiten zwar als Solokü
nstlerinnen, aber zu dritt entwickeln wir eine unglaubliche Kraft. Allein ist es ziemlich langweilig. Und leer. Wie soll man sich da von jemandem abstoßen? Welche Dynamik soll man entwickeln? Wie lässt man sich inspirieren? Es ist so ein großes Glück, dieses Mädels zu haben, die dir ständig neue Möglichkeiten eröffnen und dich mit anderen Meinungen konfrontieren.

Elise: Wir drei wissen, wie anspruchsvoll das ist und was das aus einem selbst herausholen kann. Es kann sehr individuell sein, aber ich habe auf jeden Fall das Gefühl, dass wir alle das Gleiche erleben, wenn auch vielleicht auf verschiedenen Ebenen. Dein Körper ist deine Arbeit. Du bist deine Arbeit. Du bringst immer dein äußeres und inneres Selbst in die Situation ein.

Fatou: Wir geben uns auch untereinander Energie, deshalb war es so anders, Kurse zu besuchen oder alleine zu trainieren, statt mit mehreren. Man spürt einfach, wie alle es kaum erwarten können, zusammen zu trainieren und zu tanzen.

Wie hat sich das in den letzten Monaten ausgewirkt, wenn diese physische Verbindung durch Bewegung und Tanz fehlt, die ihr normalerweise habt?

Mette:
Ich hatte großes Glück, weil meine Mitbewohnerinnen hier waren. Ich habe also tatsächlich mit anderen Menschen tanzen können und kann daher nur für mich sprechen. Aber ich weiß auch, dass manche ziemlich zu kämpfen hatten. Sie kennen es nicht, sich so auszudrücken. Sie trainieren und gehen zu ihren Sportkursen. Und plötzlich bricht das alles weg. Das muss für die Seele einfach tödlich sein. Allein macht alles nur halb so viel Spaß.

Elise: Du spürst die Schwingungen des Lehrers und der anderen Tänzer nicht. Du spürst die Energie nicht. Die Lehrer können dich nicht korrigieren, weil sie dich nicht sehen können. Das ist alles ein bisschen einseitig. Ich bin gerne in einem großen Raum voller Menschen. Ich schaue mich gerne um und lasse mich inspirieren. Es ist fantastisch, mit meinen beiden Mitbewohnerinnen tanzen zu können, aber ich vermisse es definitiv, in einer Gruppe von 30, 40 Leuten zu tanzen und zu sehen, wie wir alles geben und trainieren. Wie wir schwitzen. Die meisten von uns kriegen es nicht richtig hin, weil es schwer ist. Wir trainieren wirklich hart, und das vermisse ich.

Durch Tanzen Verbindungen aufbauen

Von links: Elise, Mette, Fatou

Gleichzeitig scheint Tanzen aber auch eine echte Online-Community zu schaffen, besonders jetzt. Wie seht ihr das? Wie bringt Tanzen als eine Form des Ausdrucks und Sich-Befreiens Menschen aktuell zusammen, egal, ob Profis oder Hobbytänzer?

Fatou:
Ich habe das Gefühl, dass alles sehr stark von visuellen Medien wie Social Media – TikTok, Instagram – beeinflusst wird. Das ist im Grunde genommen die Art und Weise, wie man sich aktuell als Tänzerin bzw. Tänzer bewerben und Arbeit bekommen kann. Du schaffst deine eigene Marke und kann einfach dein eigenes Produkt sein.

Mette: Als der Lockdown kam, gab es für Unternehmen, Brands usw. keine andere Möglichkeit, weiterzumachen. Die ganze Situation änderte sich. Studios waren geschlossen, alles war geschlossen. Alles läuft über das Handy und eigene Videos und die Leute werden extrem kreativ, was das betrifft.

Elise: Über die sozialen Medien werden immer mehr Menschen angesprochen und erreicht, die keine Tänzer sind. Aber dieses größere Spektrum gibt uns auch mehr Möglichkeiten. Auch, was das Arbeiten betrifft. Aber wir sehen definitiv, dass immer mehr Menschen, die keine Tänzer sind, öfter tanzen. Einige meiner Freunde aus meiner Heimatstadt, die keine Tänzer sind, bitten mich 'Bring mir diesen Tanz bei, ich will das auch können', weil sie Tanzen als eine Ausdrucksform empfinden.

"Einige meiner Freunde aus meiner Heimatstadt, die keine Tänzer sind, bitten mich 'Bring mir diesen Tanz bei, ich will das auch können', weil sie Tanzen als eine Ausdrucksform empfinden."

Elise

Dennoch scheint Tanz nicht nur eine Form des äußeren Ausdrucks, sondern auch etwas sehr Persönliches zu sein. Wie fördert Tanzen eure Selbstbestimmung als Frau und eure Beziehung zu eurem eigenen Körper?

Mette:
Ich zum Beispiel finde es einfach wunderbar, eine Frau zu sein. Zu verstehen, was weibliche Kraft ist, sie in anderen zu sehen und zu verstehen, dass man sie haben und selbst erschaffen kann, halte ich für eine ziemlich spannende Möglichkeit, die ich für mich entdeckt habe.

Elise: Es ist einfach großartig!

Mette: Und beim Tanzen geht es allein um deinen Körper und deine Bewegungen. Tanzen heißt Gestalten. Du bist die leere Leinwand und erschaffst, was immer du willst. Das ist Selbstbestimmung pur. Ich kann eine Routine oder einen Tanzstil erfinden und mich ihm mit einem femininen Aspekt nähern. Zumindest mir gibt das ein Gefühl von Schaffenskraft. Es gibt mir das Gefühl, etwas sehr Persönliches zu haben. Etwas, das man mir nicht nehmen kann. Ich fühle mich dadurch einfach gut.

Fatou: Es hat mir definitiv geholfen, meine Sexualität und Weiblichkeit zu finden, denn ich war eher burschikos. Ich fühlte mich so nackt und wollte mich am liebsten verstecken, besonders beim Tanzen. Ich erinnere mich, dass ich jedesmal verkrampfte, wenn es hieß 'Das wird ein langsamer, sexy Tanz'. Aber mit der Zeit versteht man, wie viel Kraft darin steckt und wie sehr es auch ein Teil von einem selbst ist.

Manchmal ist man zu sehr auf eine Facette fixiert, aber wenn ich beim Tanzen extrem sexy sein will, kann das alles Mögliche sein. Und niemand kann mir wirklich sagen, dass es richtig oder falsch ist. Wenn ich dir eine Form geben will, die ich in meinem eigenen Körper sehr weiblich finde, dann siehst du es letztlich einfach so, wie du es sehen willst. Aber tief in mir geht es mir gut damit.

Elise: Absolut.

Mette: Absolut..

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