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Culture

Favia findet mit Bouldern zurück ins Leben und zu neuer Kraft

Erfahre, wie eine Kletterin aus Albuquerque nach einer Krebserkrankung durch ihre Leidenschaft zu Kraft und einem Sinn des Lebens zurückfand.

Letzte Aktualisierung: April 23, 2021
Mein eigenes Spielfeld: Mit Bouldern zu einer neuen Bestimmung und zu neuer Kraft

"Mein eigenes Spielfeld" ist eine Serie, in der Athletinnen und Athleten erzählen, wie sie sich mit der Natur um sich herum verbinden und ihre Balance finden.

Acht Uhr abends: Vor den Toren von Albuquerque leuchtet Favia Dubyks Kopflampe den nächsten Griff in der Kalksteinhöhe The Temple aus, in der sie jede Woche klettert. Motten, die vom Licht angezogen wurden, umschwirren ihr Gesicht. Die Hitze des Tages ist noch zu spüren und Favia ist schweißgebadet. Sie klettert bereits seit einer Stunde. Gerade unterdrückt sie den Drang, die Motten mit der Hand zu verscheuchen, und kämpft sich stattdessen weiter nach oben. Ihre Route mit Schwierigkeitsgrad V11 ist nichts für Anfänger. Sie ist voller glatter Untergriffe, an denen sich Favia hochdrückt. Manche Vorsprünge sind so klein, dass sie sie kaum mit den Fingerspitzen zu greifen bekommt. "Das hier ist echt hundsmiserabel, aber es ist immer noch der am wenigsten miserable Ort, den ich mir vorstellen kann", gibt sie lachend zu.

Favia klettert bis halb elf weiter. Dann packt sie ihr Crashpad zusammen und scheucht ihren Hund Hans den Pfad zurück. Zu Hause gibt es ein zweites Abendessen, vollgepackt mit Proteinen. Sie wartet noch ein bisschen, bis sich ihr Adrenalinspiegel normalisiert hat, dann geht sie schlafen. Das ist ihr Leben, fünf Tage in der Woche. Es ist hart, aber sie liebt es. "Klettern ist für mich der Grund, morgens aufzustehen", erklärt sie. "In meinem Leben gibt es keine Aktivität, die ich mehr liebe als das."

Mein eigenes Spielfeld: Mit Bouldern zu einer neuen Bestimmung und zu neuer Kraft
Mein eigenes Spielfeld: Mit Bouldern zu einer neuen Bestimmung und zu neuer Kraft

Favia ist nicht nur beim Sport eine Meisterin der Balance. Die 33-jährige Profikletterin bringt zwei Karrieren unter einen Hut: 60 bis 100 Stunden in der Woche arbeitet sie als Ärztin, 20 bis 25 Stunden verbringt sie am Fels. Diese Willenskraft wäre schon unter normalen Umständen beeindruckend, aber Favia hat eine ganz besondere Geschichte, denn sie hat den Krebs besiegt. Das Klettern entdeckte sie vor 10 Jahren für sich, nur ein Jahr vor ihrer Diagnose im Jahr 2012.

"Ich war in meinem Leben nie so viel an der frischen Luft wie seit der Zeit, seit ich mit dem Klettern angefangen habe", erzählt sie. "Ich wusste noch nicht einmal, dass es so etwas wie Klettern im Freien gibt. Als mich die Leute fragten, ob ich mit ihnen zum Outdoor-Klettern kommen wollte, war ich zunächst verwirrt. Warum sollte ich draußen an Plastikgriffen rumturnen? Ich wusste gar nicht, dass es so etwas wie Felsklettern gibt." Es ist nicht so, dass Favia nicht schon früher Sport gemacht hätte. Als Kind begeisterte sie sich für Turnen, Schlittschuhlaufen und Reiten. Ihr Leben drehte sich hauptsächlich um diese Sportarten, erzählt sie, aber nicht um Outdoor-Aktivitäten oder Wandern.

Mein eigenes Spielfeld: Mit Bouldern zu einer neuen Bestimmung und zu neuer Kraft

Mit der Zeit fuhr sie jedes zweite Wochenende in die nächstgelegenen Klettergebiete, etwa vier bis sieben Autostunden von zu Hause entfernt. Und schnell wurde daraus jedes Wochenende. "Ich lernte immer mehr und gewöhnte mich daran, viel draußen zu sein. Ich gewöhnte mich an die ländliche Umgebung, an die Insekten und an das Wandern. Und ich entwickelte immer mehr Outdoor-Skills", erzählt Favia. "Ich liebe das Geräusch, das meine Kletterschuhe am Fels machen." Es ist ein sanftes Geräusch, wie Finger, die auf eine Tischplatte tippen. "Wenn ich dieses Geräusch höre, habe ich das Gefühl, eins mit dem Fels zu werden."

Favia war sich aber immer bewusst, dass sie einer der wenigen Schwarzen Menschen in der lokalen Kletterszene war. "Ich hatte mich mein ganzes Leben daran gewöhnt, immer die Vorzeigeschwarze zu sein", erzählt sie. Deshalb freute sie sich unbändig, wenn andere People of Color vorbeikamen. "Manchmal kamen welche in die Kletterhalle und ich dachte nur: 'Oh mein Gott, wie großartig!'"

Mein eigenes Spielfeld: Mit Bouldern zu einer neuen Bestimmung und zu neuer Kraft
Mein eigenes Spielfeld: Mit Bouldern zu einer neuen Bestimmung und zu neuer Kraft

Favia machte beim Klettern schnell Fortschritte und schaffte es gleichzeitig, ihr Medizinstudium erfolgreich fortzusetzen. Doch plötzlich, im Herbst 2011, fühlte sie sich krank. Gesundheitsmitarbeiterinnen im Gesundheitszentrum ihrer Universität nahmen ihre Beschwerden nicht ernst. Sie diagnostizierten Asthma und verschrieben ihr ein Mittel zum Inhalieren. "Sie waren schrecklich", erinnert sich Favia. Sie selbst befürchtete aufgrund ihrer medizinischen Ausbildung ein Lymphom als Ursache für ihre Beschwerden, aber niemand ging darauf ein. "Ich verlangte wiederholt eine Röntgenuntersuchung, aber die wurde mir verweigert", ergänzt sie. Im folgenden Juni hatte sich ihr Zustand dramatisch verschlechtert. Sie bekam kaum noch Luft und musste sich übergeben. Auf einer Klettertour stürzte sie vom Fels und rang verzweifelt nach Atem. Einen Monat später entdeckten die Ärzte einen 13 Zentimeter großen Tumor in ihrer Brust. Die Befürchtungen der Medizinstudentin hatten sich bewahrheitet: Sie hatte ein Lymphom im fortgeschrittenen Stadium. Favia unterbrach ihre Ausbildung und unterzog sich für ein Jahr einer Krebsbehandlung. "Während der Chemotherapie hatte ich kaum Energie. Es gab praktisch nichts mehr, mein einziger Gedanke war es, zu überleben", erinnert sie sich.

Mein eigenes Spielfeld: Mit Bouldern zu einer neuen Bestimmung und zu neuer Kraft
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Favia hatte erst ein Jahr vor ihrer Diagnose mit dem Klettern begonnen, aber dieser Sport gab ihr nach der Behandlung neuen Lebensmut. "Klettern wurde für mich zum Grund, weiterzuleben. Gerade weil ich das Klettern so liebte, konnte ich mich nicht in meinem Schmerz vergraben", erinnert sie sich. Seit 2013 befindet sie sich in Remission, hat also keine Symptome mehr. "Ich überstehe alles, solange ich zurück an den Felsen kann."

Favia fokussierte sich wieder auf eine Boulder-Route, die sie schon vor ihrer Diagnose projektiert hatte (das ist Klettererjargon dafür, sich auf eine bestimmte Route vorzubereiten, um sie dann perfekt zu durchklettern). Es handelte sich um The Helicopter, eine Höhlentour mit Schwierigkeitsgrad V5 im Coopers Rock State Forest in der Nähe von Morgantown (West Virginia). Der Spot befand sich so dicht über dem Boden, dass man kaum aufrecht darunter sitzen konnte. Sie arbeitete immer und immer wieder an den Bewegungsabläufen, bis sie den Zielpunkt schließlich fehlerfrei erreichte. Dieser Erfolg war der Beginn ihrer Outdoor-Leidenschaft. Sie wollte einfach wissen, wie weit ihr Körper gehen könnte.

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"Beim Klettern fühlst du dich einfach stark. Du siehst einen Felsen und denkst: Da gibt es keinen Weg rauf. Und dann findest du doch einen und fühlst dich einfach fantastisch", erklärt Favia. "Du musst deine Komfortzone auf so vielen Ebenen verlassen. Du brauchst Mut, Kraft und Vorstellungsvermögen. Du lernst unglaublich viel über dich selbst und darüber, wie weit du deinen Körper und deinen Geist bringen kannst."

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Favia hat nach wie vor mit körperlichen Einschränkungen zu kämpfen. Sie muss darauf achten, sich nach Möglichkeit keine Schnitte und Schürfwunden zuzuziehen, denn die Heilung dauert länger und die Gefahr von Infektionen ist größer. Außerdem schränkt das Narbengewebe, das von der Krebsbehandlung stammt, ihre Beweglichkeit ein. Das wiederum ist die Ursache für Rücken- und Hüftprobleme, unter denen sie seit Jahren leidet. Erst seit Kurzem kann sie wieder normal gehen, und sie braucht die Hilfe von Freunden, um zu den Kletter-Spots zu gelangen. "Ich schaffe es einfach nicht, 20 bis 30 Kilo Ausrüstung zu tragen", gibt sie zu. Die meisten Kletterer legen den Fokus auf ihre Beinarbeit, Favia aber setzt vor allem ihren Oberkörper ein. Deshalb bouldert sie auch lieber an Überhängen, als vertikal an Felsen hochzuklettern. "Wenn ich auf meine Füße falle, renke ich mir die Hüfte aus. Wenn ich jedoch direkt auf meinen Rücken falle, macht das meiner Hüfte nichts aus", erklärt sie.

Die viele Zeit, die Favia in der Natur verbringt, hat ihr geholfen, ihre innere Balance wiederzufinden. In den letzten sieben Jahren wurde das Klettern zu einem Zufluchtsort, an den sie sich nach ihrer stressigen Arbeit zurückziehen kann, bei der sie den ganzen Tag über schwierige Entscheidungen treffen muss. "Warum es mir so viel Spaß macht, mir meine Haut an spitzen Felsen aufzuscheuern, mir ständig blaue Flecken zu holen und sogar Knochenbrüche oder tödliche Verletzungen zu riskieren? Ich weiß es nicht", so Favia. "Ich weiß nur, dass ich Rätsel liebe, und beim Klettern gibt es genug davon. Du brauchst deinen Geist und deinen Körper, um sie zu lösen."

Mein eigenes Spielfeld: Mit Bouldern zu einer neuen Bestimmung und zu neuer Kraft

"Ich habe eine Welt gefunden, in der ich mich sicher fühle. Diese Welt ist die Natur."

Favia hat in der Outdoor-Community außerdem viele Freunde gefunden. Sie ist Mitglied beim Melanin Base Camp, einer Plattform, die sich für mehr Diversität im Abenteuersport einsetzt. Außerdem dokumentiert sie ihre Erfahrungen und ihre Leidenschaft für das Lowball-Bouldern auf ihrer Website Traverse Girl und gibt neuen Kletterinnen und Kletterern Unterricht. "Ich habe erst vom Klettern erfahren, als ich das College beendet hatte. Wenn ich also das Leben von anderen Menschen durch das Klettern verbessern kann, so wie es bei mir der Fall war, dann möchte ich das tun", so Favia. "Ich möchte allen die Chance geben zu erkennen, dass Klettern die Sache sein kann, für die man bestimmt ist."

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Es ist noch zu früh zu sagen, ob die derzeitigen Bemühungen um mehr Inklusivität im Outdoor-Sport Erfolg haben werden, meint Favia. Sie weist außerdem darauf hin, dass in Kletterhallen noch mehr in puncto Gleichberechtigung getan werden muss, egal ob es um ethnische Unterschiede, Geschlechterrollen oder Leistungsniveaus geht. Aber sie hofft, dass People of Color und gesundheitlich eingeschränkte Menschen durch ihre Präsenz erkennen, dass es in der Natur für jeden einen Platz gibt. "Für ein paar Stunden gibt es für mich nur einen einzigen Gedanken: Wie komme ich diesen Felsen rauf", erzählt Favia. "Ich habe eine Welt gefunden, in der ich mich sicher fühle. Diese Welt ist die Natur."

Text: Colleen Stinchcombe
Fotos: Evan Green

Gemeldet: September 2020

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